Sekundenkleber

Auch mit Sekundenkleber kann man eine Menge Spaß haben, denn das Zeug lässt sich prima Zweckentfremden. Bergsteiger und Musiker schützen damit zum Beispiel ihre Fingerkuppen (kann später ggf. mit Aceton entfernt werden). Es lassen sich damit aber auch (Schnitt-)Wunden schließen. Einfach die Verletzung zudrücken und eine Ladung Sekundenkleber darauf (aber nicht IN die Wunde) Idealerweise kommt hier allerdings Sekundenkleber zum Einsatz, der statt Ethanol oder Methanol Butyl– bzw. Octyl-Alkohol enthält und deshalb ungiftiger ist. So etwas nutze die US-Armee bereits während des Vietnamkrieges, 1998 wurde dann die 2-Octyl-Cyanoacrylat-Variante für die zivile Nutzung freigegeben. Bei mueller-heinsberg.de gibts dazu tonnenweise Infos. BTW: Die ganz simple Version davon ist das altbekannte Sprühpflaster. In Folge 4 der ersten „Breaking Bad“-Staffel verarztet Walter sein Bein übrigens auch mit einer Tube Superglue. Und hier ist es Grant Thompson „The King of Random“ (siehe Titelbild).

Forscher und Fotografen nutzen die Tatsache, dass die Polymere des Klebers durch Feuchtigkeit aktiviert werden, um Schneeflocken für die Ewigkeit zu konservieren! Dazu müssen zunächst zwei Objektträger und der Kleber für ein paar Stunden in das Tiefkühlfach. Mit dem tiefgekühlten Trägern lässt sich nun eine Schneeflocke einfangen, ohne dass sie schmilzt. Dann kommt ein Tropfen eiskalter Sekundenkleber auf die Flocke und das zweite Glasplättchen (gaaanz vorsichtig) obendrauf. Dieser Sandwich kommt  wieder in das ***-Fach, bis der Kleber ausgehärtet ist. Dann kann man die Objektträger entfernen. Hier noch eine weitere englische Anleitung. Und eine Seite mit dollen Bildern. Oben rechts eine Seite aus der 1/1970-Ausgabe von „National Geographic“, wo das von Robert F. Sisson mit einer Mischung von 1-2% „Polyvinyl Formal Resin“ in „Ethylene Dichloride“ realisiert wurde (zum Vergrößern der Seite das Bild anklicken). Sisson hat sich bei Vincent J. Schaefer bedient, der seine Methode bereits 1943 in dem Artikel „How to Fingerprint a Snowstorm“ im Magazin „Natural History“ vorstellte. Den Artikel habe ich bei Scribd hochgeladen (siehe Link), das komplette Heft bekommt ihr bei Archive.org.

Im diesem Video sieht man einen Klassiker: Fingerabdrücke sichtbar machen. Entdeckt wurde die kriminologischen Eigenschaften per Zufall – in den späten 70er Jahren in einer japanischen Firma, die Verpackungen für Sekundenkleber testete. Der Hauptbestandteil dieser Kleber ist Cyanoacrylat. Und das Verdampft ab 49 bis 65 Grad Celsius (der Siedepunkt variiert je nach Produkt). Fingerabdrücke sind wiederum nicht nur einfach Schweiß, sondern enthalten organische Verbindungen wie Aminosäuren, Glukose, Milchsäure, Peptide, Ammoniak, Riboflavin (Vitamin B2), Isoagglutinin sowie anorganische Chemikalien wie Kalium, Natrium, Kohlenstofftrioxid und Chlor. Das Cyanoacrylat reagiert mit diesen Aminosäuren, Fettsäuren und Proteinen sowie mit der Feuchtigkeit in der Luft zu einem weißen Material entlang der Grate des Abdrucks (weitere Details). In dem Video wird mit etwas Natriumhydroxid (Ätznatron) nachgeholfen, um die Reaktion zu beschleunigen. Der Effekt ist dem in diesem Video sehr ähnlich: Hier kommt eine kleine Dose zum Einsatz, die sich selbst erhitzt. Da verweise ich mal an dieses ältere Posting, wo es um selbsterhitzende Getränke geht. Das Prinzip ist das gleiche. Das verdampfen kann aber auch einfach eine Lampe übernehmen.

Was kann man dann mit solchen Fingerabdrücken so anstellen? Nun, man könnte zum Beispiel die anderer Menschen kopieren. Und hübsche Ringe herstellen. 🙂

Sekundenkleber ergibt zusammen mit etwas Stoff oder Watte auch ein schönes, kleines Lagerfeuer. Warum? Baumwolle besteht hauptsächlich aus Cellulose. Die ist ein Polysaccharid („Vielfachzucker“) mit sehr vielen Hydroxygruppen (-OH), die einen ähnlichen Effekt wie die Luftfeuchtigkeit auf das Cyanoacrylat haben: Aus dem Monomer des Klebers wird ein Polymer (je feuchter die Luft, desto schneller klebt er). Da die Baumwolle so viele OH-Gruppen enthält, werden viele Reaktionen gleichzeitig ausgelöst und die verlaufen exotherm. Wenn genug Material eingesetzt wird, kann so der Brennpunkt der Baumwolle erreicht werden.

Damit nicht genug. Sekundenkleber kann im Bastelbereich für weit mehr als nur zum Kleben benutzt werden:

  • Mischt man ihn mit Natron oder Backpulver, entsteht (exotherm!) eine sehr leichte, harte Masse, die Modellbauer zur Reparatur benutzen (erst Natron verteilen, dann Kleber dazugeben). Bei PEARL wird einem das Natron übrigens in homöopathischen Dosen für 2,90€ verkauft…
  • Gemischt mit erwärmten Leinöl kann auf Holzoberflächen ein sehr haltbares, hochglänzendes Finish erzeugt werden.
  • Zusammen mit Schleifstaub entsteht eine Masse, mit der sich Kratzer in Parkett, Möbeln oder Holzinstrumenten ausbessern lassen.

Für Mythbuster Adam Savage  ist Sekundenkleber die „Seele der Spezial-Effekt-Industrie„. Und er gibt den Tipp, mit Natron nachzuhelfen, wenn der Kleber mal nicht will. Was viele eventuell auch nicht wissen: Cyanoacrylat hat ein relativ kurzes „Shelf Life“, die Kleber halten sich also im ungeöffneten Zustand nicht besonders lange – 1 Jahr in der Regel. Auf dieser Seite wird die Herstellung von Sekundenkleber erklärt. Und von diesen schwedischen Modellbauern gibtes zudem viele Infos zu Funktionsweise, Anwendung, und vielem mehr.

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