Geld verdienen im Internet

Unbenannt

Alex Tew beschloss Ende August 2005 eine Abkürzung zu nehmen: Statt jahrelang Studiengebühren zurückzuzahlen, ging der 21-jährige Engländer mit einer leeren Homepage online und verkaufte sie – jeden einzelnen Pixel davon, für je einen US-Dollar. Ausgaben: 50 Euro. Einnahmen innerhalb von vier Monaten: 1.037.100 US-Dollar.

Was lernen wir von der legendären “Million Dollar Homepage”? Unter anderem, dass auch Kleinvieh Mist macht. Und dass Kreativität im Internet belohnt wird. Millionär werden vielleicht nur die Wenigsten. Doch ein Nebenverdienst ist für jeden machbar. Und das trifft sich gut. Denn immer weniger Menschen wollen ein Leben lang malochen, um Anderen die Taschen zu füllen.

Laut einer Statistik des Instituts für Freie Berufe (IFB) hat sich die Zahl der Selbständigen in Deutschland in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt (von 533.000 auf 1.229.000). Viele davon sind Online unterwegs: Zum Beispiel bei DaWanda.de, einem Online-Marktplatz für Handgemachtes. Dort bieten zur Zeit 220.000 Hersteller über 3,5 Millionen Produkte an – täglich kommen 10.000 Einzelstücke dazu. Auch die Zahlen des amerikanischen Vorbilds Etsy.com sind beeindruckend: 900.000 aktive Shops, die 2012 fast 900 Millionen Dollar umsetzten.

Doch wer bei Etsy oder DaWanda etwas anbietet, ist zwar sein eigener Chef, muss sich aber auch um all jenes kümmern, was der Herr Fabrikant normalerweise delegiert: Herstellen, verpacken, verschicken und eventuell mit Reklamationen umgehen. Dafür bietet DaWanda statt etwas Laufkundschaft 13 Millionen Besucher (Unique Visits) im Monat. Portale wie diese erweitern die Angebote von Amazon und eBay. Doch die eigentliche Revolution findet woanders statt: Sündhaft teure Maschinen lassen sich mittlerweile über das Internet ansteuern – von jedermann. Die Demokratisierung des Produktionsprozesses sorgt für einen Maschinensturm der friedlichen Art, denn er ermöglicht den Verkauf von Ideen. Weder versenden, noch lagern, nicht einmal etwas herstellen muss man. Willkommen im Mass-Customization-Zeitalter.

Text-Tantiemen
Ein Beispiel sind seit Ende der 90er Jahre die “Books on Demand”. Auch hier entstehen die Produkte ganz woanders, auf Bestellung und Ihr Investitions-Risiko ist minimal. Branchen-Oldie BoD.de verlangt für Bücher mit ISBN-Nummer jährlich 19 Euro und einmalig eine identisch hohe Einrichtungsgebühr. Wer ohne ISBN-Nummer und damit ohne Bestellmöglichkeit über den Buchhandel auskommt, bezahlt nichts für die Veröffentlichung. Die Gewinnmarge bestimmen Sie selbst. Doch Vorsicht: Ein Taschenbuch mit 320 Seiten kostet inklusive einer Provision von 10 Prozent bereits 19,90 Euro – also knapp zehn Euro mehr als “normale” Taschenbücher.  Auch vollfarbige Kochbücher, Reiseführer oder Comics sind kein Problem, doch auch sie haben es gegen Großhandelsware schwer: Ein “Tim und Struppi”-Comic (64 Seiten, Farbe, Paperback) würde als BoD selbst auf günstigem 90-Gramm-Papier 28,90 Euro kosten (Amazon-Preis: 9,99 Euro).

Dank der hohen Verbreitung von eBook-Geräten gibt es für Autoren eine Alternative zum gedruckten Buch. So ermöglicht Amazons “Kindle Direct Publishing” (kdp.amazon.com) Kampfpreise und Tantiemen von bis zu 70 Prozent. Hier starten auch unbekannte Autoren durch: So hatte die gelernte Chemielaborantin Emily Bold mit ihrem Debütroman „Gefährliche Intrigen“ bei klassischen Verlagen keinen Erfolg und ließ zunächst nur 20 Stück im Eigenverlag drucken. Doch über KDP schaffte es das Buch 2011 in die Top 20 des deutschen Kindle-Shop. Und die Berlinerin Nika Lubitsch verdrängte mit ihrem eBook “Der 7. Tag” Bestseller wie “Shades of Grey” von der Spitzenposition – obwohl auch ihr Manuskript zuvor bei diversen Verlagen durchfiel. Der Einstieg ist kostenfrei und kindleleicht, doch die Tücke liegt im Detail, gewissenhafte Einarbeitung ist obligatorisch. Tipp: Die deutsche Facebook-Gruppe “Self Publishing”. Sie hilft, erste Schwierigkeiten zu meistern.

T-Shirt-Schotter
Zum deutschen Urgestein im Bereich der individualisierten Massenfertigung gehört die Textil-Druckerei Spreadshirt.de: 2001 in Leipzig an den Start gegangen und – wie so viele deutsche Start-Ups – inspiriert von einem Vorbild aus den USA: www.cafepress.com, Jahrgang 1999. Spreadshirt machte 2012 weltweit 65 Millionen Euro Umsatz, ein Zuwachs um rund 42 Prozent zum Vorjahr. Auch bei diesem Online-Dienst liegt der Reiz darin, ohne finanzielles Engagement Geld zu verdienen. Nach der kostenlosen Anmeldung lassen sich sofort eigene Motive hochladen und inklusive einer Provision zum Kauf anbieten. Selbstverständlich müssen dabei Urheber- und Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben. Es gibt diverse Shopvorlagen, die sich vor allem von Premium-Mitgliedern (10 Euro pro Monat) noch ordentlich tunen und an die eigene Homepage anpassen lassen. Der Mehraufwand lohnt sich: Die Top-Anbieter “setzen 7.000 Euro pro Monat um”, so Spreadshirt-Sprecherin Eike Sievert.

Der Hamburger Kommunikationsdesigner Daniel Stenzel ist einer der wenigen, die offen über Umsätze sprechen. Auf www.elbtunnelblick.de veröffentlichte er bis vor kurzem regelmäßig seine Zahlen. 2008 richtete er einen Spreadshirt-Shop ein und verschlagwortete seine Motive akribisch. Dann minimierte er sein Engagement: “Der zeitliche Aufwand ist mittlerweile sehr gering. Vielleicht 10 Stunden im Monat. Anfangs war das anders. Da war Spreadshirt für mich ein Full-Time-Job. Speziell das Einstellen auf den verschiedenen Marktplätzen hat über einen Monat gedauert”, so Stenzel in einem Spreadshirt-Interview. Trotzdem reicht das für ein ordentliches Zubrot: Zwischen 400 und 500 Euro im Monat, ohne viel Zutun. Wie viele der neuen Fabrikanten beackert er mehrere Felder. Unter anderem den Druckdienstleister Zazzle und die Bildagentur Fotolia (siehe nächste Seite). Insgesamt kamen im Jahr 2012 auf diesem Weg “beinahe 16.000 Euro” zusammen. Das reicht nicht für eine Villa an der Côte d’Azur, aber locker für seine Miete.

Moneten mit Mustern
Nun sind T-Shirts, Hoodies und Grillschürzen eine prima Sache, aber eine Blume macht noch kein Hawaiihemd. Manches Laibchen verdankt seine Beliebtheit nicht einem DinA4-Aufdruck auf der Brust, sondern einem schönen Muster. Hier kommt Spoonflower.com ins Spiel, 2008 in North Carolina gegründet. Auch Spoonflower bedruckt Stoff. Aber ausschließlich Meterware. Kleider, Tischdecken, Bettwäsche, Vorhänge, Taschen, Kissenbezüge oder Stoffpuppen – je länger man über die Anwendungsmöglichkeiten nachdenkt, desto mehr fällt einem ein. Seit einiger Zeit ergänzen Tapeten und Geschenkpapier das Angebot. Und man bekommt zehn Prozent Provision beim Verkauf eigener Motive. Allerdings erwartet Spoonflower, dass man vorher die Qualität überprüft (“Proofing”), also zumindest einen kleinen Testausdruck (ca. 20×20 cm, ab 5 US-Dollar) bestellt. Das ist übrigens ein ziemlich genialer Schachzug der Betreiber: Ich habe den Preis der kleinen Probe auf den Quadratmeter umgerechnet und siehe da – sie verdienen damit im Idealfall das Zehnfache… Die Stoffe sind aber vergleichsweise günstig (ab 13,26 Euro, Stand 30.9.13), doch die Versandkosten nach Deutschland und der Einfuhrzoll kommen noch obendrauf. Stoffe bedrucken hierzulande auch www.textilfab.de, www.stoff-schmie.de oder www.stoffn.de. Verdienen kann man bei diesen Anbietern allerdings nichts. Und zum Teil sind sie trotz Porto und ggf Zoll teurer als Spoonflower.

Foto-Flocken
Reicht die musische Begabung nicht für flotte T-Shirt-Sprüche oder schicke Druckmotive, kann man sein Glück mit Fotos versuchen. Fotolia.de, seit 2004 online, verlangt als sogenannte Microstock-Agentur nur etwas Hartgeld pro Bild (“ab 0,16€”). Sie bedient damit jene Publizisten, die keine drei- bis vierstellige Summen für ein Foto bei traditionellen Agenturen bezahlen können oder wollen. Bilder von Herb Ritts finden sich hier nicht. Dafür aber allein bei Fotolia nahezu 24 Millionen Bilder von weit über vier Millionen meist unbekannten Fotografen. Die Verdienstmöglichkeiten: Für jedes verkaufte Foto gibt es bei Fotolia – abhängig vom Status und Ranking des Fotografen – zwischen 20 und 63 Prozent Provision (Einzel-Downloads) und 0,25 bis 0,40 Euro für Bilder, die von Abonnenten heruntergeladen werden. Alternativen zu Fotolia: Shutterstock und iStockphoto. Pflichtlektüre: Die Homepage des Microstock-Fotografen und Buchautoren Robert Kneschke (www.alltageinesfotoproduzenten.de).

CAD-Knete
Die modernste Variante mit digitalen Daten echtes Geld zu verdienen, stellen Lasercutter und 3D-Drucker dar. Bei Shapeways, Sculpteo, Ponoko oder i.Materialize reicht es, druckfähige CAD-Daten (“Computer Aided Design”) hochzuladen und ein Preisschild draufzukleben. Allerdings sind gehobene 3D-Kenntnisse unumgänglich. Unter anderem, um Bezahlbares herzustellen. Denn die Maschinen sind kostspielig, daher bedeutet Zeit hier wirklich Geld. Je länger die Maschine läuft, desto teurer wird es. Schon ein kleiner Plastikquader mit zwei Zentimeter Kantenlänge kann 29 Euro kosten (Shapeways); lässt man diese zwei Kubikzentimeter auch noch in “Premium Silver” ausdrucken, werden über 528 Euro fällig. Um das abzumildern, müssen hohle Körper erzeugt werden – idealerweise in der minimal möglichen Wandstärke. Doch auch Laien haben eine Chance: CAD-Urgestein Autodesk (1982 gegründet) stellt unter 123DApp.com diverse einfach zu beherrschende Gratis-Tools für Jedermann zur Verfügung. Die Progrämmchen sind fast alle im Browser lauffähig, als Download für PC und Mac sowie als App für Apple-Geräte verfügbar: “123D Catch” generiert  aus haufenweise Fotos ein 3D-Modell. “123D Design” ist ein 3D-Programm mit Schnittstellen zu 3D-Druckern. “123D Make” zerlegt 3D-Objekte in 2D-Teile und ist somit perfekt für Aufträge an Lasercut-Dienste à la Ponoko. Und die hohlen Körper erzeugt der geniale “Meshmixer”.

Und wie sehen die Verdienstmöglichkeiten aus? Die Marge bestimmt man bei allen Anbietern selbst. Branchenprimus Shapeways schüttete 2012 rund 500.000 US-Dollar an 8.000 Shopbetreiber aus. 2011 waren es noch 270.000 Dollar. Der Trend ist klar, trotzdem macht das durchschnittlich 62,50 Dollar pro Nase. Es dürften also nur Einzelne nennenswerte Beträge verdienen. Dazu gehört sicher die Amerikanerin Bathsheba Grossman, deren mathematische Skulpturen Ikonen der neuen Drucktechnik sind. Auch ihr Landsmann Chuck Stover druckt vornehmlich komplizierte Metall-Objekte (als Würfel für Rollenspiele) und verdiente 2012 immerhin rund 1.800 US-Dollar pro Monat.

Fazit: Ohne Fleiß gibt’s auch im Internet keinen Preis. Andererseits sind die Voraussetzungen mit seinem Hobby Geld zu verdienen, besser denn je. Mit dem nötigen Durchhaltevermögen und der Bereitschaft, anfänglich viel Zeit zu investieren, hat man durchaus die Chance ein solides Nebeneinkommen zu generieren. Ein Erfolgsgarant dürfte Originalität sein. Wie sagte Alex Tew gegenüber der Washington Post: “Anstatt eine Idee zu kopieren, verbringt lieber Zeit damit, euch etwas Neues auszudenken – vor allem Kreativität macht sich bezahlt.”

UPDATE: Und hier noch eine kommentierte Liste, die viele weitere solcher Angebote beschreibt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s