Cloud PC

Die Idee ist durchaus reizvoll: Man hat eine 170-Euro-Gurke am TV hängen oder nur ein altes Notebook, kann aber trotzdem neueste Spiele daddeln, mit Blender komplexeste Szenen rendern oder 4K-Videos schneiden. Der französische Dienstleister Blade hat seit einiger Zeit Shadow am Start, ein Dienst, der einen vollwertigen Windows-PC mit Xeon-Prozessor und GTX-1080-Grafik über das Internet streamt.

Klar, PC-Fernsteuerung ist nichts wirklich neues. Aber die Qualität scheint hier viele Tester zu überzeugen. Zumindest, wenn die DSL-Anbindung stimmt, denn 50-Megabit sollten es sicher sein, damit es keine Enttäuschung wird – auch wenn das Blade-Marketing-Video natürlich von „Starting from 15 Mbps“ spricht.

Nun fragte ich mich aber trotzdem: Wer braucht das? Immerhin werden bei einem Jahresabo (und nur dann!) 360€ fällig. Wer bei Steam fleißig einkauft, will sicher länger Freude daran haben, wird also JEDES Jahr 360€ zahlen. Aus 360€ werden dann also 720€, 1080€, 1440€… Und auch nur, wenn die Gebühr nicht erhöht wird. Amazon Prime hat ja auch mal mit 29€ angefangen, wenn ich mich recht erinnere…

Das ist Geld, das man dann eben nicht für eine neue Grafikkarte hat. Und bezahlt man 360€ (oder mehr) und geht dann doch noch in den Laden, um in reale Hardware zu investieren? Da ärgert man sich doch eher, würde ich sagen. Zumal zB Intel Skull Canyon-Systeme für 599€ zu haben sind (Stand 30.10.18)? Vielleicht ist das nichts für Hardcore-Gamer. Aber für alle anderen sicher eine höchst erstrebenswerte i7-Flunder.

Shadow ist IMHO eine Art Leasing, nur, dass einem nichts physikalisch gehört und man am Ende der Laufzeit nichts zurückbekommt. Wenn das Internet spinnt oder Blade pfuscht, bin ich wieder in der PC-Steinzeit. Und Videoschnitt an so einem Monster ist sicher ’ne schöne Sache, aber den Inhalt einer 64GB-SDcard hochzuladen, dürfte kein Vergnügen sein.

Richtig sinnvoll, auch aus unternehmerischer Hinsicht, ist das Rendern in der Cloud. Bei 3D-Anwendungen geht es um wenige Megabyte Upload und „Numbercrunching“ vom allerfeinsten. Da sowas wie Blender auch auf Mini-PCs läuft, ist das ein Killerargument. Aber nicht für Shadow, sondern für die Amazon-Cloud (AWS) oder spezialisierte Angebote, die diese Mega-Server-Farmen nutzen (sowas wie BlenderGrid oder RenderBot zum Beispiel): Kein Abo, sondern projektbezogen, pay-per-use, alles chico.

Was bleibt dann? Zocken. Wäre das etwas für „normale“ Spielertypen? Nö, die geben einmalig 300€ für eine PS4/Xbox (aktuell: Xbox + Forza Horizon 3 = 219€, erneut der Hinweis auf das Browser-Add-on Keepa) aus und gut iss. Zumal deren Spiele inzwischen in den Online-Shops oft günstiger sind als die PC-Versionen; „Battlefield 1“ gab’s da vor kurzem für unter 6 Euro! Hardcore-Gamer? Vielleicht. Aber ist da nicht gerade das Herumfrickeln Teil des Hobbys? Will man da wirklich nur vor ’nem Monitor sitzen? So ganz ohne Neonbeleuchtung, Wasserkühlung und Steampunk-Gehäuse? Und ohne stundenlanges stöbern am Wochenende bei Alternate, um „nur mal“ zu gucken wie man aus seiner Kiste doch noch etwas mehr herausholt? Na? NA? 🙂

Eher ein Gimmik ist die Möglichkeit, dass man mit den Smartphone/Tablet den PC nutzt. Spiele: Kann man machen, braucht aber kein Mensch. Die PS Vita war genial, schade, dass es sie nicht mehr gibt. Aber ich würde nicht 360€ pro Jahr berappen, um mit einer klobigen Handy/Controller-Kombi GTA in der Badewanne spielen zu können. Anwendungen: Könnte auf einem Tablet funktionieren. Gerade auch Mal- und Zeichenprogramme. Aber optimal ist das alles nicht.

Insofern ist Shadow wohl nur für Leute interessant, die…

  • sich einer zuverlässig hohen Verbindung ins Web erfreuen,
  • lieber 320€ pro Jahr bezahlen als 1x 600€,
  • Konsolen doof finden oder auch arbeiten wollen,
  • nicht basteln und optimieren können oder wollen
  • und auf ’nem kleinen Bildschirm PC-Games spielen.

Ich fühle mich da so gar nicht angesprochen. Aber falls so etwas Bestandteil von Amazon Prime wird und Prime dann eben 109 Euro pro Jahr kostet (oä) – das wär‘ schon was.

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